Die Kiezkommune

Wer wir sind und was wir wollen

Wir sind ein Zusammenschluss verschiedener Leute, die in Kreuzberg, Neukölln und im Wedding leben. Wir sind jung und weniger jung, manche lohnarbeiten, andere studieren oder sind arbeitslos. Manche kommen aus Berlin, manche aus anderen Städten und anderen Ländern. Was uns eint, ist die Vorstellung einer anderen Gesellschaft und eines anderen Zusammenlebens. Wir kämpfen für eine antikapitalistische Stadt. Eine Stadt, in der alle das Recht auf Arztbesuche und medizinische Unterstützung haben, in der Nachbar_innen einander unterstützen, anstatt zu vereinzeln. Eine Stadt, in der das soziale Leben auf den Straßen, auf den Plätzen und in den Häusern gemeinsam stattfindet, in der wir uns unterstützen in unseren Angelegenheiten, in der niemand alleine gelassen wird mit seinen Problemen. In der kulturelle Angebote nicht mehr vom Geldbeutel abhängen, sondern von der Lust, diese zu nutzen und zu gestalten. Eine Stadt, in der Cafés zu Orten der Bildung und der Diskussion werden. Eine Stadt, in der Kindergärten und Schulen Kinder befähigen, selbstständig zu denken, anstatt sie möglichst wirtschaftsorientiert auszubilden. Eine Stadt, die unserer Gestaltung, unseren Diskussionen und Vereinbarungen unterliegt. Eine Stadt, in der sich die Menschen einer Straße zu einer Kiezkommune zusammenschließen, diese sich mit anderen Kiezkommunen vernetzt und gemeinsam die Belange des Kiezes, auf der Basis von menschlichen, nicht kapitalistischen Bedürfnissen regelt.

Warum wir das wollen

Gentrifizierung ist ein Aspekt der kapitalistischen Ausgestaltung der Stadt, und deren Folgen bestimmen das Leben im Wedding, Neukölln und Kreuzberg. Noch vor wenigen Jahren als „Problemviertel“ stigmatisiert und deswegen mehr oder minder sich selbst überlassen, sind heute diese Stadtteile als „hip“ deklariert und werden in Turbogeschwindigkeit gentrifiziert. Unsere Stammkneipen, Cafés oder Läden des täglichen Bedarfs wurden geschlossen und durch teure Espressobars oder Klamottenläden ersetzt. Freunde, Freundinnen oder Verwandte mussten wegziehen, weil sie sich die explodierenden Mietpreise nicht mehr leisten konnten. Andere, die nicht innerhalb der kurzen Fristen eine neue Wohnung finden konnten, wurden mithilfe der Berliner Polizei zwangsgeräumt. Menschen, die vom Jobcenter abhängig sind, haben erst gar keine Chance, in diesen Kiezen eine neue Bleibe zu finden, da die Vermieter_innen eh nur noch „solvente“ Mieter_innen zulassen. Ein Eintrag in der SCHUFA – und du bist raus aus dem lokalen Wohnungsmarkt. Abseits dessen werden inzwischen fast nur noch Luxuslofts, Eigentumswohnungen oder „Co-Working-Spaces“ gebaut, wo bezahlbarer Wohnraum entstehen könnte. Das alles geschieht, ohne dass wir, die in diesem Kiez wohnen, arbeiten und leben, gefragt werden. Aber wir wollen selbst bestimmen, was in unseren Straßen, auf unseren Plätzen und in unseren Häusern passiert und haben keinen Bock drauf, dass unser Stadtteil zu einer Konsummeile wird, in der das Kapital das Straßenbild bestimmt.

Solidarität statt sozialer Vereinzelung

Der Kapitalismus und die Gentrifizierung greifen uns tagtäglich an. Vor allem die soziale Vereinzelung und das Zerreißen unserer sozialen Netzwerke werden immer mehr zum Problem. Wir wollen unser Leben in die eigenen Hände nehmen, wir wollen gemeinsam kämpfen und uns nicht mehr durch die Polizei, die Vermieter_innen, das Jobcenter oder die Gerichtsvollzieher_innen einschüchtern lassen. Wir wollen das Leben in unseren Kiezen selbst gestalten. Und dazu müssen wir uns zusammenschließen und uns gegenseitig unterstützen. Wenn wir die Probleme unserer Nachbar_innen, Freund_innen oder Kolleg_innen kennen, können wir sie auch gemeinsam lösen – gelebte Solidarität gegen Ausgrenzung und Verdrängung. Dass Solidarität kein leeres Wort ist und auch nicht sein muss, können wir an den verschiedenen verhinderten Zwangsräumungen sehen, an den Mietenkämpfen unserer Nachbar_innen, an den Arbeitskämpfen von Menschen in ihren Betrieben gegen miese Arbeitsbedingungen und Ausbeutung.

Eine bessere Perspektive können wir nur gemeinsam verwirklichen

Die Bundesregierung oder der Berliner Senat werden uns nicht helfen. Denn es liegt nicht in ihrem Interesse, das Bestehende zu verändern. Viele von uns haben den Verkauf des Berliner Sozialwohnungsbaus an private Firmen unter Rot-Rot noch gut in Erinnerung, ebenso die Kuschelpolitik der CDU, um privaten Investor_innen nahezu alles zu ermöglichen. Die immer mieseren Arbeitsbedingungen durch Leiharbeit, befristete Verträge und Konkurrenz und Ausbeutung liegt nur im Interesse derer, die davon profitieren. Wir haben kein Interesse an einem Gesundheitssystem, das uns in Zukunft danach behandelt, ob wir arm oder reich, dick oder dünn, jung oder alt sind. Wir haben kein Interesse an Zwangsarbeit und Zurichtung in Form von Hartz IV oder Ein-Euro-Jobs.

Wir fordern keine „billigere“ oder „sozialverträgliche“ Miete. Wir wollen kein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei. Es ist nicht hinzunehmen, dass unser Kiez und unsere Wohnungen privatisiert werden, dass irgendwelche reichen Arschlöcher bestimmen, wer hier wohnen darf und wer nicht. Wohnraum ist keine Ware. Uns interessiert nicht, wer auf irgendeinem Papier unterschrieben hat, dass ihm ab sofort dieses oder jenes Gebäude gehört. Wir wollen die Kollektivierung des Wohnraums, aber unabhängig vom Bezirksamt. Das heißt: wir, der Kiez, bestimmen unsere eigene Wohnungspolitik. Wir sagen, dass jede_r das Anrecht auf eine gute Wohnung hat, unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht oder Geldbeutel.

Wir wollen einen Wandel für unseren Kiez und unsere Stadt. Zusammen, und nur zusammen, können wir eine Alternative zu dem ganzen Mist um uns herum erarbeiten. Wir organisieren uns von Unten, solidarisch und entschlossen. Uns interessieren nicht diejenigen, die eh schon Geld, Macht oder Ansehen haben, sondern wir wollen mit denen kämpfen, die die gleichen Probleme haben wie wir: egal, ob sie Stress mit dem Jobcenter haben, soziale Ausgrenzung oder Rassismus erleben oder sich gegen steigende Mieten und Zwangsräumungen wehren wollen.

Wir haben den Wunsch auf ein anderes und besseres Leben noch lange nicht aufgegeben.